Demographischer Wandel - Herausforderung an die Kommunen der Zukunft
Wettenberg-Krofdorf-Gleiberg (wh): „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein“, zitierte der Schöffengrunder Bürgermeister Hans-Peter Stock den griechischen Staatsmann Perikles (500-429 v. Chr.) zu Beginn seines Referates zum Thema „Demografischer Wandel – Herausforderung an die Kommunen der Zukunft?“. Dazu konnten die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler (FW) Wettenberg, Julia Trampisch und ihr Stellvertreter Georg Schlierbach gut 50 Zuhörer, darunter auch Vertreter der FW aus Biebertal und Heuchelheim im Gleiberger Dorfgemeinschaftshaus, den Referenten Hans-Peter Stock und den Hauptamtlichen 1. Kreisbeigeordneten Dirk Osswald herzlich begrüßen.
„Die Bevölkerung der BRD wird von 81,2 Mio auf 68,8 Mio Menschen Ende 2050 sinken. In 2050 gibt es doppelt so viele 60jährige wie Neugeborene (=500.000). Das Durchschnittsalter der Männer steigt auf 83,5, das der Frauen auf 88,0 Jahre. Die Anzahl der Schüler und Auszubildenden sinkt dramatisch und die der Erwerbstätigen bis zu 29 %. Die Sozialsysteme werden nicht mehr finanzierbar sein und ein Erwerbstätiger zwei Rentner zahlen“, erläuterte Stock. Das hat Folgen für die Kommunen, z.B. Leerstände von Häusern und Wohnungen, keine oder nur geringe Nachfrage nach Bauland, mangelnde Investitionsbereitschaft, Flucht in attraktive Standorte und einen knallharten interkommunalen Wettbewerb um Bürger. Auch die Steuer- und Gebührenaufkommen werden sinken, die Vorhaltekosten für die Infrastruktur steigen und das Angebot an Vor-Ort-Versorgung sinken. Nach der Bertelsmann-Studie ist für Wettenberg bis 2025 noch ein Bevölkerungszuwachs um 2,4 % zu erwarten. Das Durchschnittsalter steigt von 44,1 Jahren auf 47,1 Jahre (BRD: 50,6 Jahre). Der Jugendquotient der unter 20jährigen sinkt von 31,8 auf 28,5 % und der Altersquotient der über 65jährigen steigt von 35,7 auf 43,6 %. „In Wettenberg ist vieles vorhanden und gehört zum „Speckgürtel“ um Gießen, der vom Zuzug profitiert. Trotzdem muss sich auch Wettenberg dem Veränderungsprozess stellen."

Als „Handlungsoptionen“ zeigte Stock die „Schaffung eines familienfreundlichen Klimas“ mit dem Ausbau des bestehenden Kinderbetreuungsangebotes und dem Ausbau der bestehenden Angebote für Senioren auf. Zum Kinderbetreuungsangebot zählen z.B. die verlängerten Öffnungszeiten (6.30 bis 19 Uhr), Betreuung ab einem Jahr, die Vernetzung aller Angebote für Kinder und Jugendliche sowie familiennaher Dienstleistungen oder die Einrichtung eines Familienzentrums mit Infostelle für Kinder und Familien. Hinzu kommt die Zusammenarbeit von Kommune (Kindertagesstätten) und Grundschule/Schule. „Kinder und Jugendliche sollten ernst- und wahrgenommen werden“, so Stock.
Zum Ausbau des Angebotes für Senioren gehören u. a. der Erhalt und Ausbau örtlicher Pflege- und Betreuungsangebote, der Aufbau einer Seniorenselbstverwaltung, erweiterte Freizeitangebote, das Ermöglichen des selbstbestimmten Älterwerdens in gewohnter Umgebung, auch Seniorenwohngemeinschaften. Aktivierung der Senioren für ehrenamtliches Engagement.
Der Referent ging dann auf die Infrastruktur der Kommunen ein. Dabei hat Innenentwicklung Vorrang vor Außenentwicklung. Die Aktivierung und der Ausbau der Altortslagen (z.B. durch neue Dorfläden )und die Arrondierung von Grundstücken in Innerortsnähe, der Erhalt und der Ausbau der Versorgungsstrukturen und des öffentlichen Personennahverkehrs (z.B. durch Anrufsammeltaxis) gehören dazu. Notwendig sein kann auch die Senkung bestehender Standards. „Die Kommunen sollten im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit aufeinander zugehen und Angebote, z.B. auch Schwimmbäder und Bürgerhäuser, abstimmen. Bei speziellen Maschinen könne eine Zusammenarbeit der Bauhöfe erfolgen. Neue Wohnformen müssen geschaffen und die kommunale Gebäudestruktur altersgerecht angepasst werden, nicht benötigte Gebäude veräußert werden sowie Verwaltungsstrukturen verschlankt werden und Unabhängigkeit durch erneuerbare Energien erreicht werden. „Die Kommunen müssen durch die demografische Entwicklung Aufgaben übernehmen (z.B. Pflege der Friedhöfe, weil keine Angehörigen mehr da sind)“, erläuterte Bürgermeister Stock weiter.
Er schloss mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler „Teilhabe setzt den Willen zur Teilnahme voraus." Eine rege Diskussion schloss sich an.
Der hauptamtliche 1. Kreisbeigeordnete Dirk Osswald führte aus, dass der demografische Wandel auch Chancen biete, um Verantwortung dezentral in die Ortsteile zu verlagern, Verantwortung in die Dörfer zurückgeben und den demografischen Wandel positiv nutzen.
Julia Trampisch und Georg Schlierbach dankten Bürgermeister Hans-Peter Stock für das interessante Referat und Dirk Osswald für sein Kommen.

Foto: der Erste hauptamtliche Kreisbeigeordnete Dirk Osswald, FW-Fraktionsvorsitzende Julia Trampisch, Bürgermeister Hans-Peter Stock und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Georg Schlierbach während der Bürgerinformationsveranstaltung der Freien Wähler Wettenbergs. Foto: Klaus Waldschmidt



